Tour 2008 - Support: Hutchinson
Nicht wirklich alles wollte an diesem Mittwochabend in Frankfurt klappen. Sicher, das Wetter war für die Verhältnisse eines bisher bescheidenen deutschen Sommers geradezu herausragend und auch das in Zeil-Nähe stattfindende Konzert von Year Long Disaster sollte dem Abend in der Mainmetropole ein Rock’n Roll-Krönchen aufsetzen. Was allerdings nicht wirklich nach Plan lief, war ein bisschen kaputte Technik der Hamburger Vorband Hutchinson und ein insgesamt ziemlich leeres ’Nachtleben’. Aber ich will nicht vorgreifen.
Als wir gegen 20.40 Uhr den Keller des Frankfurter Szeneladens anvisierten (Einlass war um 20 Uhr), waren viele Vorboten bereits deutlich sicht- und spürbar. Die Frage ob unten schon was los sei, quittierte die Abendkasse nur mit einem müden Lächeln. Bei gefühlten 35 Grad Raumtemperatur stellten wir dann tatsächlich die ersten Gäste im knapp 250 Leute fassenden ’Nachtleben’ dar. Der Hamburger Support Hutchinson schraubte noch eine Weile an seiner Technik, wir gönnten uns ein Bier und 20 Besucher später betrat das nordische Quartett die Bühne. Trotz eher zurückhaltendem Publikum wusste die vierköpfige Band zu überzeugen. Ehrlicher und druckvoller Rock, der die Vorbilder Led Zeppelin und Queens Of The Stone Age erst gar nicht zu verstecken versuchte. Frontmann Nico Kozik nahm es mit seinem sprichwörtlichen Bühnenprogramm zwar teilweise etwas zu ernst und gab den übercoolen Rockstar – bei mittlerweile bestimmt 40 Grad hätte er seine Jacke ruhig ausziehen dürfen. Laut eigener Aussage spielte man viele neue Songs und als besonderes Rockbrett gab es zum Schluss das kraftvolle Beatles-Cover “Helter Skelter“. Eier haben sie, die Jungs von Hutchinson. Definitiv ein Anheizer der besseren Sorte.
Die Pause überbrückte man anschließend erneut mit diversen Kaltgetränken – kein Wunder bei den Saunazuständen – und es dauerte auch gar nicht lange, bis die Hauptband des Abends die Bühne enterte. Man hatte wohl ein wenig Mitleid mit dem versprengten und schwitzenden Publikum. Im Verlauf der folgenden 50 Minuten spielte sich das kalifornische Trio einmal durch ihr bisher einziges Album “Year Long Disaster“ und präsentierte bei der Zugabe sogar ein neues Stück. Frontmann Daniel Davies (Sohn von ’Kink’ Dave Davies) quälte sich spürbar jeden Ton aus dem Leib. Viele seiner Verrenkungen waren nicht von dieser Welt und man merkte dem langen Schlacks an, dass er mit seinen Songs irgendwas verdauen muss und er weit weg möchte von der musikalischen Verwandtschaft. Ex-Karma to Burn Bassist Rich Mullins – man lernte sich im Drogenentzug kennen – verbrachte den ganzen Abend an Davis’ Seite. Er stand da aber nicht einfach, er zupfte ununterbrochen im Spagat andeutenden Ausfallschritt. Keine Ahnung wie man das solange durchhält.
Dritter Mann im Bunde war der u.a. bei Third Eye Blind trommelnde Brad Hargreaves. Wie ein Derwisch bearbeitete er die Felle und trieb den auf 1,20 Meter Bühnengröße geschrumpften Mullins und die gekonnt kreischende Latte namens Daniel Davies förmlich vor sich her. Nicht unerwähnt soll bei all dem Bühnenspektakel die Lichtshow bleiben. Das Besondere war dabei nicht die Lichtinszenierung an sich, sondern der Kerl, der sie koordinierte. Ein kleiner Mann saß in einem hanebüchenen Bundesjugendspieleoutfit im Schneidersitz in einer 50 Quadratzentimeter großen Ecke und bediente das vor ihm liegende Panel mit kindlicher Gameboy-Inbrunst. Kauzig, aber sympathisch, diese kleine und wundersame Band-Entourage.
Unterm Strich stand ein famoser Ausflug nach Frankfurt und – rechnet man beide Bands zusammen – ungefähr 90 Minuten an krachendem Schweißrock mit hohem Unterhaltungswert und einer headbangenden Nackenschmerzgarantie. Den Abendkassepreis von zwölf Euro pro Ticket empfand selbst das amerikanische Trio als viel zu hoch. Immerhin waren es am Ende dann doch knapp 50 Leute, die sich den Hauptact des Abends ansehen wollten – um zwanzig vor neun hätten wir das nicht unbedingt vermutet. Diese Intimität sollte jeder Besucher in Ehren halten. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, könnte es nicht mehr lange dauern, bis die Herren Davies, Mullins und Hargreaves in größeren Lokalitäten und vor vielen kreischenden Fans zu finden sind. An diesem Mittwoch war’s eher noch familiär.