Am Freitag erscheint das neue Album!
„Ich habe nie zuvor ein Album gemacht, das sich so sehr aufgedrängt hat. Give Till It’s Gone ist eine richtiggehende Fortführung der vergangenen eineinhalb Jahre meines Lebens, die ganzen Sounds sind von meinen Erfahrungen geprägt. Ein ehrlicheres musikalisches Statement hätte ich nicht ablegen können." Ben Harper ist sichtlich stolz auf sein jüngstes Studiowerk, das er quasi im Alleingang aus der Taufe gehoben hat.
In den letzten Jahren präsentierte sich der zweifache Grammy-Gewinner auf der Höhe seines Schaffens. Zuletzt war der kalifornische Sänger und Gitarrist mit der Band Relentless 7 wie ein Rock’n’Roll-Berserker durch die Weltgeschichte gewütet und hatte 2009 mit dem Album „White Lies For Dark Times" eine weitere Visitenkarte in den US-Top-Ten hinterlassen. Gemeinsam mit Joseph Arthur und Dhani Harrison hat er zudem erst letztes Jahr die Supergroup Fistful Of Mercy ins Leben gerufen, die in nur drei Tagen ihr Album „As I Call You Down" einspielten und bei ihren Studio-Sessions richtig aufblühten. Da muss man nur mal bei YouTube reinschauen. Inmitten dieser höchst aktiven Zeit gelang es Ben Harper trotzdem noch, sich Zeit zu nehmen und auf die Komposition neuer Songs zu konzentrieren – das Ergebnis ist seine bis dato vielleicht persönlichste und bekenntnisreichste Songkollektion.
Schon ein Blick auf die Credits genügt. Auf „Give Till It’s Gone" hat Ben Harper alle wichtigen Schaltstellen eines Bandgefüges selbst besetzt. „Man kann nicht sagen, welche Band da spielt, es klingt einfach nur nach mir. Ich wollte einen frischen Sound erschaffen, der sich gleichzeitig noch direkt auf das Feeling von allem bezieht, was ich jemals gemacht habe."
Die Songs auf „Give Till It’s Gone" sind schlichtweg eine Offenbarung. Sie beschreiben die inneren Kämpfe, die Verunsicherung und letzten Endes die Erlösung eines Individuums. Bereits in dem Opener „Don’t Give Up On Me Now" legt Harper die Karten auf den Tisch. „I need to change/I don't know how", singt er. „You can wait your whole life not knowing what you're waiting for." Rein musikalisch klingt der Song wie ein um einige Spuren erweiterter Roadsong à la Tom Petty.
An anderer Stelle zeigt Harper Trotz und Zärtlichkeit zugleich, schwankt zwischen dem Zorn von „Dirty Little Lover" und der Selbstaufgabe von „Feel Love". Manchmal sind seine Ängste und Verletzlichkeit kaum auszuhalten; so fleht er in „Pray That Our Love Sees the Dawn" und ergibt sich mit: „my last line of defense is gone". Harper hat noch nie davor zurückgeschreckt, für seine Songs tief in die eigene Gefühlswelt einzutauchen - was an „Give Till It's Gone" neu ist, ist ein gewisser Grad an Reife und Erfahrung, die seinen Anstrengungen ein neues Gewicht verleihen.
Letztlich zählen für Harper nach wie vor die Hoffnung und die Vorstellung, dass Liebe einen Weg der Erlösung bietet. „Do It For You, Do It For Us", das letzte Stück des Albums, zelebriert dementsprechend die Dreieinigkeit von Ehre, Liebe und Vertrauen. Es versteht sich nachgerade von selbst, dass jemand, der in einem Musikgeschäft groß geworden ist, an die kathartischen Kräfte der Musik glaubt.
Ben Harpers neues Album ist aber nicht nur von reiner Innenschau geprägt, sondern auch ganz konkret von der Begegnung mit anderen Musikern, etwa als er im vergangenen Sommer in London im Vorprogramm von Neil Young spielte. „Neil sang ‘Rockin’ in the Free World’ und meine Gedanken tauchten in eine Art Tunnel ab. Ich hörte nur noch ‘rock, free, rock, free’. Als ich wieder in meinem Zimmer war, schrieb ich den kompletten Song ‘Rock n Roll is Free’. Neil hatte mich an diesem Abend unglaublich stark inspiriert."
Ben Harper möchte diese befreiend wirkende Hymne auch frei interpretiert wissen: „Nie zuvor war Rock’n‘Roll so frei wie heute, und das hat, meine ich, verschiedene Bedeutungen. Es wartet die ganze Zeit auf dich, und es kostet dich nichts, mit der Musik Risiken zu wagen, deine Palette auszuweiten, und damit auch deine Weltsicht. Ich genieße es, in dieser Zeit des Übergangs zu leben und aktiv daran teilzuhaben."
Der Wendepunkt für „Give Till It’s Gone" kam laut Harper mit den Aufnahmen für „Spilling Faith", ein psychedelisch angehauchter Song, der wie ein verlorenes Stück aus dem Beatles-Klassiker Revolver klingt, und auf dem denn auch kein Geringerer als Ringo Starr an den Drums sitzt. Die beiden Musiker hatten sich 2009 nach einem Benefizkonzert in der Radio City Music Hall angefreundet; im vergangenen Jahr spielten Harper und Relentless7 als Begleitband für ein paar Promo-Shows von Ringo Starr.
„Ringo kam ins Studio und wir unterhielten uns eine Stunde lang", erinnert sich Harper. „Er sagte, ‚Ich will, dass dieses Stück wirklich positiv klingt und wie eine Art Glückspille wirkt‘. Er gab damit quasi den Ton an. Wir schrieben alle gemeinsam an dem Song und die Aufnahme ist live, genauso, wie wir es gespielt haben."
Tatsächlich war die Energie der „Spilling Faith"-Session so immens, dass sich gleich weitere sechs Minuten einer Studio-Jam anschlossen, die auf dem Album für das direkt folgende „Get There From Here" verewigt wurde. Am Ende des Stücks hört man Ringo lachen: „The song is like half a minute long, and the fade is an hour!"
„Dieses Stück hat den Bann gebrochen für das gesamte Album", sagt Harper. „Für die Band war das ein musikalisch wahnsinnig wichtiger Moment, und ich werde den Tag in meinem ganzen Leben nicht vergessen."
Mit Jackson Browne, in dessen Studio in Los Angeles die meisten Aufnahmesessions stattfanden, gibt sich noch eine weitere lebende Legende auf „Give Till It’s Gone" die Ehre. Als Ben Harper gerade „Pray That Our Love Sees The Dawn" abmischte, hatte er plötzlich einen Geistesblitz und beschloss, dem Song die unverkennbare Stimme dieses musikalischen Pioniers zu unterlegen. „Ich spielte ihm das Stück vor, wir bauten die Mikros auf, und innerhalb von einer Stunde war alles unter Dach und Fach."
Die Inspiration zu „Don’t Give Up On Me Now" dagegen kam bei einem Geburtstagstribut-Konzert für Roy Orbison. „Ich lernte seine Familie kennen und ich war sehr gerührt von ihm an jenem Abend", erzählt Harper. „Ich konnte regelrecht hören, wie er dieses Stück singen würde."
Doch auch jenseits der Welt der Musik fand Harper neue inspirierende Wege. „Ich bin ein leidenschaftlicher Skater. Das mache ich mehrere Stunden am Tag und ist einfach ein großer Teil meines Lebens." Der Text von „Clearly Severely" spiegelt Situationen, in denen man sich als Skater oft findet: „If it hurts, do it twice/avoid the void" und „there is no breath left for words" beziehen sich darauf, dass „wenn du skatest und du anfängst zu quatschen und dich nicht mehr konzentrierst, dann kann der Asphalt auf den du klatscht dich ganz schön zurechtrücken!"
Dieses Gefühl physische Risiken einzugehen spiegelt sich auch auf dem emotionalen Grat, den Ben Harper auf „Give Till It’s Gone" beschreitet. „Dieses Album ist nicht auf Sicherheit bedacht", sagt er stolz. „Ich wünsche mir, dass es widerborstig ist, dass es ein Gefühl der Konfrontation zeigt. Es sind ein paar Songs darauf wo ich mir genau überlegen musste, ob ich sie wirklich veröffentlichen will. Aber es ist ein tolles Gefühl, nach so vielen Jahren im Musikgeschäft nach wie vor unsicher zu sein, zu denken, dass es einem noch immer nicht 100% gelungen ist, alles zu beherrschen. Wenn man denkt, man hat etwas perfekt im Griff, dann fehlt irgendwie die Herausforderung."